Hintergrund

Orlandus-lassus-2Vortrag über Orlandus Lassus
für den Rotary Club München-International

von Dr. Bernhold Schmid,

Mitglied der Musikhistorischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Im Jahr 2006 hat der Rotary Club Munich International die Orlandus Lassus Foundation gegründet, um begabte Musikstudenten zu unterstützen. Selbstverständlich freut mich als für die Gesamtausgabe der Werke Lassos Zuständigen sehr, daß Sie die Stiftung nach diesem Komponisten benannt haben, der als einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit zu gelten hat. 1530 oder 1532 wurde er in Mons im Hennegau geboren, lebte in den Jahren 1544 bis 1554 in Italien, anschließend ging er für zwei Jahre nach Antwerpen und kam im Herbst 1556 nach München. Hier war er am Hof zunächst als Komponist und Sänger angestellt, ab 1562 dann als Hofkapellmeister. Schon früher wirkten bedeutende Musiker in München: etwa der 1473 gestorbene Organist Konrad Paumann, dessen Grabstein Sie im Münchner Dom sehen können, oder Ludwig Senfl, der von 1523 bis zu seinem Tod 1543 in der Hofkapelle Herzog Wilhelms IV. wirkte.

Aber erst mit Lasso wurde München zu einer Musikstadt höchsten Ranges. Er hat ein ungeheuer umfangreiches Werk hinterlassen: etwa 1350 Kompositionen können ihm zweifelsfrei zugeschrieben werden; alle zeitgenössischen Gattungen hat er bedient: Motetten, Madrigale, Chansons, deutsche Lieder, Messen, Magnificat, Passionen, Hymnen, Zyklen wie die Prophetiae Sibyllarum, die Lagrime di San Pietro, die Bußpsalmen, eine Anzahl mehrstimmiger Lesungen, und etliches mehr hat er geschaffen. Circa 475 Drucke aus den Jahren 1555 bis 1687 überliefern seine Kompositionen, außerdem existieren über 600 Handschriften. So manche Stücke sind mehr als zwanzig- oder gar dreißig Mal gedruckt worden.

Im frühen 19. Jahrhundert begann man die Musik des 16. Jahrhunderts, und damit auch Lasso, wieder zu entdecken. Man hielt die Kirchenmusik des späten 18. Jahrhunderts für zu weltlich, zu opernhaft und sah in der Musik Giovanni Pierluigi Palestrinas und seiner Kollegen ein Ideal für die mehrstimmige liturgische Musik. Dies führte zu zahlreichen Notenausgaben, und seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts existierten Pläne, eine Gesamtausgabe der Werke Lassos zu erstellen. Diese kam allerdings erst im 300. Todesjahr 1894 zustande, als Franz Xaverl (der Gründer der Kirchenmusikschule Regensburg) und Adolf Sandberger (der erste Lehrstuhlinhaber für Musikwissenschaft an der Universität München) begannen, Lasso zu edieren. Bis 1927 lagen 21 Bände vor, „alle“ Motetten, Madrigale, Chansons und deutschen Lieder waren in dieser heute sogenannten Alten Gesamtausgabe ediert. Finanzielle Schwierigkeiten führten jedoch dazu, das Unternehmen einzustellen. Seit 1956 betreut die Musikhistorische Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die Lasso-Ausgabe. In den Jahren bis 1995 wurde in der 26-bändigen Neuen Reihe alles das ediert, was in der Alten Gesamtausgabe fehlte, also etwa die Messen, die Magnificat und die diversen Zyklen. Damit liegen alle Werke in der Gesamtausgabe vor. Parallel dazu wurde ein 2001 publiziertes Werkverzeichnis in drei umfangreichen Bänden erstellt.

Heute ist uns eine wesentlich größere Anzahl an Quellen als den Herausgebern der Alten Gesamtausgabe bekannt – Erstdrucke sowie Quellen mit zum Teil erheblichen Abweichungen im Notentext oder mit bisher unbekannten Textfassungen. Außerdem wurde die Alte Gesamtausgabe immer nur nach einer Quelle, und sicherlich nicht immer nach der besten erstellt, während wir heute nach der Lasso am nächsten stehenden Quelle edieren und das meiste erhaltene Quellenmaterial zum Vergleich heranziehen. Die Neue Reihe berücksichtigt diese Kriterien, ist also der Alten Ausgabe in philologischer Hinsicht weit überlegen. Deshalb begann man, die Alte Ausgabe in einer dem heutigen Stand der Editionstechnik und den heutigen Anforderungen an wissenschaftliche Gesamtausgaben entsprechenden Form neu herauszugeben. Mein Vorgänger in der Musikhistorschen Kommission Horst Leuchtmann hat die Chansons, die deutschen Lieder und die meisten Madrigale neu ediert, meine Aufgabe ist es, die insgesamt elf Motettenbände herauszugeben. Fünf sind erschienen, ein sechster wird um die Jahreswende 2011/12 herauskommen, das Projekt wird im Jahr 2020 abgeschlossen sein. Was Sie in Händen halten, sind Motettenbände dieser neuen Ausgabe. Neben einer Einleitung finden Sie eine Quellenliste, einige Angaben zu den Zusammenhängen der Quellen untereinander sowie einen umfangreichen kritischen Bericht, der die Abweichungen der Quellen voneinander auflistet.

Warum, werden Sie sich jetzt fragen, betreibt man für einen Komponisten des 16. Jahrhunderts einen solchen Aufwand? Haben wir nicht schon genug Musik?

Zum einen geht es um die Sicherung und Dokumentation alten Kulturgutes von hervorragender Bedeutung. Das hat etwas mit Denkmalpflege zu tun. Musik existiert jedoch nur als Erklingen. Gesamtausgaben, also Noten, sind noch keine Musik.

Und damit sind wir beim zweiten Aspekt, warum man den Aufwand betreibt: Seit über 200 Jahren gibt es Bestrebungen, sich intensiv mit der Musik früherer Epochen zu beschäftigen, für die die Aufführungstradition abgebrochen war, also Bestrebungen, ältere Musik auszugraben und wieder aufzuführen.

  • Mozart gehörte in Wien dem Zirkel um den kaiserlichen Hofbibliothekar Van Swieten an, wo man sich mit Bach und Händel beschäftigt hat. Er bearbeitete beispielsweise Bachsche Fugen für Streichtrio und Streichquartett.
  • Mendelssohn führte 1829 Bachs Matthäus-Passion wieder auf.
  • Im 19. Jahrhundert wird die Musik des 16. Jahrhunderts wiederentdeckt.
  • Dies ist auch die Zeit, in der die ersten großen Gesamtausgaben entstehen: Philipp Spitta ediert Heinrich Schütz, Friedrich Chrysander Georg Friedrich Händel, 1850 beginnt die Alte Bach-Gesamtausgabe, ebenso fängt man Palestrina und Lasso zu edieren an.
  • Im frühen 20. Jahrhundert wird die Jugendbewegung zu einem Motor der Alte Musik-Bewegung: Blockflötenkreise beschäftigen sich beispielsweise mit Lassos zweistimmigen Sätzen, die 1577 in pädagogischer Absicht entstanden waren. Laienchöre führen Motetten von Heinrich Schütz auf.
  • Und heute: Wir sind im Zeitalter der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis angekommen. Es wird historisches Instrumentarium verwendet, mitunter wird gar aus historischem Notenmaterial in Faksimiles musiziert.

Von daher beantwortet sich die Frage, warum man den Aufwand betreibt: die Musikwissenschaft ist gefordert, optimales Notenmaterial zum Musizieren und als Referenzausgaben vorzulegen.

Lasso gilt den Zeitgenossen als prinpeps musicorum, als Fürst unter den Musikern. Theoretiker zitieren seine Werke ausführlich und weisen immer wieder auf seine große Kunst der musikalischen Textausdeutung hin. Um Ihnen einen kleinen Eindruck von Lassos Musik zu verschaffen, habe ich zwei recht unterschiedliche Stücke ausgewählt: eine in Paris 1584 gedruckte Chanson – Sie sehen das Titelblatt des Drucks – anschließend hören wir ein Madrigal.

Die Chanson „Vignon vignon vignette“, ein Lied zu sechs Stimmen, handelt von der Weinrebe. „Wer dich gepflanzt, war klug und weise“, heißt es im Text; und weiter: „Ich fühle mich wie an der Mutterbrust, wenn dein Wein mir durch die Kehle rinnt.“ Wir hören eine Aufnahme des französischen Ensembles Clément Janequin.

Ein sehr rasches, satztechnisch eher schlichtes Stück, das auch musikalisch die Freude am Weintrinken durchaus nachvollziehbar werden läßt. Übrigens wurden Stücke dieser Art häufig mit neuen Texten versehen. Insbesondere die zahlreichen von Lasso vertonten erotischen Texte wurden von den Hugenotten gegen fromme Texte ausgetauscht. Das in den Vorreden der Drucke mit Umtextierungen übliche Argument ist rasch erläutert: Die Musik ist „gut“, aber die Texte sind „schlecht“. Wenn wir die „schlechten“ Texte durch „gute“ ersetzen, werden die Stücke insgesamt „besser“.

Recht viel größer könnte der Gegensatz zum Madrigal „Veggio se al vero“ nach einem Sonnett von Gabriel Fiamma kaum sein. Der Text ist in hohem Maße melancholisch: „Veramente siam noi polvere e vento“ – „Wahrlich sind wir Staub und Wind“, heißt es gegen Ende. Das Madrigal ist diejenige Gattung, der die extremsten musikalischen Mittel zur Textausdeutung zur Verfügung stehen, und Lasso gelingt es, die Traurigkeit des Textes in Musik zu setzen.

Vor wir einen Teil des Stücks hören, möchte ich Sie auf eine ungeheuer überraschende Wendung bei der Textstelle „vie lunghe e distorte“, „lange und krumme Wege“ hinweisen. Lasso benutzt einen Kadenzvorgang, der kompositionstechnisch gesehen vollkommen verbogen wird, um die krummen Wege zu vertonen.

Wie sind „vie lunghe e distorte“, „lange und krumme Wege“ zu vertonen? Lange Wege können durch lange Notenwerte ausgedrückt werden. Wie aber kann man krumme Wege vertonen? Lasso deutet einen musikalisch geraden Weg an, den er dann verbiegt. Er beginnt eine Schlußformel, die jeder Zuhörer der Zeit als solche erkannt hat. Und noch vor der eigentliche Schlußton erklingt, hat ihn jeder Hörer quasi schon im Ohr. Statt dessen kommt ein vom Hörer gänzlich unerwarteter Ton. Die „vie distorte“ werden also durch eine Täuschung der Hörerwartung der Zuhörer ausgedrückt.

 

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Dr. Bernhold Schmid
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Lasso-Gesamtausgabe
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